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Nach wie vor viel zu häufig: Die Xylit-Vergiftung beim Hund

Von Ralph Rückert, Tierarzt, und Johanne Bernick, Tierärztin

Ein ebenfalls sehr social-media-aktiver Kollege hat vor vier Jahren einen kurzen Artikel über die Gefahren des Zuckeraustauschstoffes Xylit (Xylitol, Birkenzucker) für Hunde veröffentlicht, der gut gemacht war und sich in der Hundewelt weit verbreitet hat. Deshalb und weil man als Blogger allzeit originell sein und auf keinen Fall „abschreiben“ will, haben wir uns über dieses Thema längere Zeit keine Gedanken mehr gemacht, so nach dem Motto „Weiß doch wohl inzwischen jede(r)!“.

Um so schockierter waren wir, als neulich in einer sehr großen Facebook-Hundegruppe von einer Xylitvergiftung berichtet wurde und sehr bzw. zu viele Kommentare von Leuten kamen, die bekannten, keinen blassen Schimmer von dieser Gefahr gehabt zu haben. Es gilt für solche Themen wohl das selbe wie für Werbung: Die Botschaft muss offenbar ständig wiederholt werden, um am Ende möglichst viele Mitglieder der Zielgruppe zu erreichen. Also sind wir halt mal unoriginell und weisen erneut auf die Gefahren dieser nach wie vor zu häufig vorkommenden Alltags-Vergiftung hin. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein, und wenn dieser Artikel auch nur zehn Hunden den Kragen rettet, soll es uns das wert sein.

Die Verwendung von Xylit (Zusatzstoff E 967) ist nach wie vor auf dem Vormarsch. Es hat die annähernd gleiche Süßkraft wie Haushaltszucker und kann problemlos beim Kochen und Backen (allerdings nicht für Hefeteige) verwendet werden. Xylit wird vom Menschen meist gut vertragen, wirkt in Kaugummis nachweisbar antikariogen und ist nicht zuletzt wegen der Volksseuchen Übergewicht und Diabetes weit verbreitet, gern im Rahmen der „Low-Carb-Philosophie“. Besonders problematisch in Hinblick auf Vergiftungen bei Hunden sind Kaugummis, Bonbons, Schokoladeprodukte und nach unserer Erfahrung vor allem Kuchen, die große Mengen Xylit enthalten.

Für Hunde ist Xylit leider sehr giftig! Es braucht wirklich nicht viel, um einen Hund in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen. Ab 0,3 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht kommt es bereits so gut wie sicher zu beunruhigenden und behandlungspflichtigen Symptomen, ab 3 Gramm pro kg muss fest mit einem tödlichen Verlauf gerechnet werden. Bleiben wir als Beispiel bei einem Kuchen: Ein schnell recherchiertes Rezept für eine sicher sehr wohlschmeckende Karottentorte mit Zitronenglasur enthält 280 Gramm Xylit. Das reicht locker, um selbst einen Mastiff (schwerste Hunderasse der Welt) mit über 90 kg umzubringen. Erwischt ein kleiner Hund mit 10 kg Körpergewicht eine 30g-Packung Xylit-Bonbons, geht das ebenfalls fast sicher tödlich aus. Die 300g-Gelierhilfe-Packung auf dem Foto besteht fast ausschließlich (zu 97 Prozent) aus Xylit. Ein 200g-Glas einer damit hergestellten Konfitüre reicht wieder locker, um einen 30kg-Hund in Lebensgefahr zu bringen.

Nimmt ein Hund in irgendeiner Form Schokolade auf, macht es meist Sinn, erst mal in Ruhe und unter Zuhilfenahme eines sogenannten Theobromin-Rechners herauszufinden, ob überhaupt Handlungsbedarf besteht. Hat Ihr Hund dagegen ein xylithaltiges Nahrungsmittel gemopst, haben Sie dafür keine Zeit! Sie haben auch keine Zeit, um noch schnell im Internet nach guten Ratschlägen zu fragen! Ebenfalls keine Zeit haben Sie für die Verabreichung von bei Vergiftungen oft empfohlener Aktivkohle, die im Falle von Xylit so gut wie gar nichts bringt! Ihr Hund muss SOFORT, UNVERZÜGLICH, AUF DER STELLE in tierärztliche Behandlung! Xylit wird vom Körper rasant schnell aufgenommen. Das Zeitfenster, in dem man durch medikamentös ausgelöstes Erbrechen noch einen Blumentopf gewinnen kann, ist extrem eng. Es zählt also wirklich jede Minute!

Ist das Xylit erst mal vom Körper aufgenommen, bewirkt es sehr schnell (innerhalb einer halben Stunde) eine heftige Insulinausschüttung, die siebenmal höher ist als bei Zucker. Dadurch kommt es zu einer spontanen und lebensbedrohlichen Hypoglykämie (zu niedriger Blutzuckerspiegel). Bei den oben beispielhaft erwähnten Xylit-Mengen folgt im weiteren Verlauf meist auch noch ein schwerer Leberschaden. Nur eine intensivmedizinische Betreuung, die sich anfangs vor allem auf eine Stabilisierung des Blutzuckerspiegels konzentriert und sich in der Regel über mehrere Tage erstreckt, kann den Hund noch retten. Die Prognose ist in solchen Fällen aber immer reichlich wacklig.

Prophylaxe muss also die oberste Devise sein! Schärfen Sie Ihre Aufmerksamkeit! Xylit ist heutzutage in sehr vielen Produkten enthalten. Ihr Hund darf da einfach nicht rankommen! Schokolade als Vergiftungsquelle für den Hund kennt irgendwie jeder und wird auch in der Regel in ihrer Gefährlichkeit weit überschätzt. Das um Welten gefährlichere Xylit (vor allem unter der so schön grün-natürlich klingenden Tarnbezeichnung „Birkenzucker“) haben sehr viele Hundebesitzer:innen nach wie vor gar nicht auf dem Schirm. Wie oben schon erwähnt: Das Standardszenario für uns Tiermediziner:innen ist eher nicht die Packung Kaugummis oder Bonbons, sondern der leckere, selbst gebackene und für die meisten Hunde sehr verlockende Low-Carb-Kuchen, der im offenstehenden Backofen oder auf der Küchenarbeitsplatte abkühlt. Dann klingelt das Telefon oder ein Kind schreit, der Hund hat freie Bahn, und schon geht es so richtig um Leben und Tod!

Passen Sie auf und verbreiten Sie diesen Text bzw. seine Botschaft!

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald,

Ihr Ralph Rückert, Ihre Johanne Bernick

© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm

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Manchmal, ganz selten, scheint auch eine Krankheit wie die FORL einen gewissen Sinn für Symmetrie und sehr zweifelhaften Humor beweisen zu wollen.

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Ok, die Bildbeschreibung ist etwas reißerisch. Eierschalen sind nicht wirklich gefährlich und es ist auch nicht dramatisch, wenn mal ein Stück im Napf landet. Aber sie eignen sich nicht gut als Knochenersatz. Es sei denn, das Tier leidet an einer Niereninsuffizienz. Dort macht man sich die Eigenschaften, die für gesunde Hunde an Eierschalen nachteilig sind, zunutze.
Wo liegt das Problem? Eierschalen bestehen fast ausschließlich aus Calciumcarbonat. Das ist eine für Hunde unnatürliche Calciumquelle, denn Knochen bestehen aus einer anderen Calcium-Verbindung, nämlich Hydroxylapatit. Das Problem an Calciumcarbonat ist, dass durch die Magensäure daraus letztlich u. a. Kohlensäure entsteht. Die wird aus dem Magen ausgetrieben und entfällt somit als Säurungsfaktor. Die eigentlich starke Magensäure wird damit weniger effektiv. Zudem reißt die aufsteigende Kohlensäure winzige Mengen an Magensaft mit sich (ähnlich wie beim Sprudelwasser in einem Glas) und reizt damit die Speiseröhre – es kommt zu Sodbrennen. Calciumcarbonat kann außerdem Steatorrhoe (fettigen Kot) begünstigen und die Verdauungsleistung verringern. Es ist also insgesamt keine ideale Calciumquelle für Hunde. Übrigens, befindet sich Calciumcarbonat auch im Algenkalk.
Ein weiteres Problem ist, dass eine reine Calciumquelle zu einem Phosphormangel führen kann. Knochen liefern nicht nur Calcium, sondern auch Phosphat. Ersetzt man Knochen durch ein reines Calciumprodukt, so entsteht sehr schnell ein Phosphatmangel beim Hund. Ein 30 kg Hund, der 2 % Futter bekommt, deckt nur noch 80 % seines Phosphatbedarfs mit dem Futter, wenn man die RFK gegen ein reines Calciumprodukt austauscht. Zudem bindet Calciumcarbonat auch noch Phosphat, sodass der Effekt verstärkt wird. Dies macht man sich bei einer Niereninsuffizienz zunutze, aber für ein gesundes Tier führt man so eine Mangelversorgung herbei.

❓ Habt Ihr Fragen dazu? Dann schreibt die gern in die Kommentare.
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